Andacht

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,27)

 

Mit raschem Schritt eilt er vom Marktplatz zum Rat. Er hat es eilig. Auf dem Markt hat doch tatsächlich ein Mann mit Namen Paulus von neuen Göttern gesprochen. Von einem Jesus und von einer Auferstehung. Das muss geprüft werden und so ist er jetzt unterwegs zum Areopag, dem Rat der Stadt in religiösen Angelegenheiten, dem er angehört. Und er ist neugierig, will Neues hören, will einfach genauer wissen, was dieser Paulus noch zu sagen hat. Außerdem spürt er da so ein Ziehen in sich. Etwas, das er nicht näher benennen kann, aber das seit einiger Zeit immer unerbittlicher seine Aufmerksamkeit fordert.

Mit diesen oder ähnlichen Beweggründen, liebe Leser*innen, mag ein Zuhörer damals wohl unterwegs gewesen sein. Damals, als Paulus in jener großartigen Rede auch die Worte unsers Monatsspruches sprach. Ich muss schmunzeln, während ich mir die Szene vorstelle: Paulus und seine Hörer*innen, umgeben von Älteren für so ziemlich jede Gottheit, die die Antike kennt. Darunter auch ein Altar für einen unbekannten Gott. Das wirkt für mich, wie ein Versuch der Athener sicherzustellen, dass sie sich in jede Richtung abgesichert haben. Die Athener spüren tief in sich, dass es mehr geben muss. Eigentlich wissen sie viel, aber da bleibt doch dieses Fragen in ihnen, danach wie alles entstanden ist, danach wie Gott wohl ist.

Paulus packt die Athener bei ihrer Sehnsucht. Die Athener verehren unwissend Gott, sie haben eine Ahnung von ihm durch den Blick in die von ihm geschaffene Welt. Eine Ahnung, dass es noch mehr gibt, aber kein Wissen. Und sie haben eine Sehnsucht in sich, die sich in jenem Altar für den unbekannten Gott ausdrückt. Die Sehnsucht, jemandem nahe zu sein. Nach jemandem, der für das Leben eintritt, ihm Sicherheit gibt. Ich frage mich daraufhin, was ich heute tue, um meiner Sehnsucht nach Gott nachzukommen. Was mache ich mit dem, was sich in mir regt und mich nicht loslässt? Sicher baue ich heute keinen Altar, aber die Sehnsucht kenne ich. Um sie nicht so deutlich zu hören, fülle ich mein Leben mit Geräuschen, mit dem Geplapper aus Fernsehapparat und Radio. Gerade in der jetzigen Zeit ist da ebenfalls der Wunsch nach Sicherheit, viel zu viele Menschen in meiner Umgebung sind noch nicht ausreichend gegen Corona geschützt. Warten auf ihren Impftermin und fragen sich, wie lange für sie die vielen Einschränkungen noch gelten müssen, zu ihrer Sicherheit und der Sicherheit von anderen.

Und ich kenne auch die Ahnung, dass es eine Macht gibt, die ich nicht fassen kann, die aber da ist und mein Leben mitbestimmt. Die vielleicht auch in der inneren Stimme in mir da ist, die mich warnt, wenn ich etwas Falsches tue. Diese Ahnung zeigt sich auch in der Rede vom Schicksal oder in der Horoskopgläubigkeit vieler Menschen. Aber: zum persönlichen Gott kann ich beten und so seine Nähe spüren, das geht bei den Sternen nicht – genauso wenig wie bei den Altären der Athener. Wie auch immer: diese Sehnsucht nach Mehr, diese Sehnsucht nach Gott ist tief in mir da – und ich will etwas von diesem unbekannten Gott hören, ich will ihn kennen lernen.

In Athen ist alles schon da, auch das Wissen um den Gott, in dessen Namen Paulus das Wort ergreift. Durch jeden Sonnenstrahl, jede Sturmböe fließt seine Barmherzigkeit. All das, was die Athener in den großen Augenblicken des Lebens ergreift, ist ein Zeichen göttlicher Herrlichkeit. Die Athener haben Gott gesucht und zum Teil auch gefunden. Sie haben ihn als viele verschiedene Facetten seines Wirkens wahrgenommen, haben jeder dieser Facetten einen Altar gebaut und ehren ihn. Sie machen also aus jeder dieser Facetten einen ihrer Götter. Irgendwie scheinen sie dabei auch zu wissen, dass sie das Ganze nicht erkannt haben. Dass da noch etwas fehlt. Dass sie Gott nicht aus sich heraus erkennen können, dass er selbst sich ihnen zeigen muss. Und daher sind sie offen für die Rede des Paulus. Nun wollen sie Gott kennen lernen. In ihr Herz aufnehmen, dass er als Schöpfer ihnen ihr Leben gab und es auch erhalten wird. In ihr Herz aufnehmen, dass er als Schöpfer der Herr über alles, über Mensch und Tier, über Himmel und Erde ist. In ihr Herz aufnehmen, dass er menschlichen Dienst nicht braucht, sondern er dem Menschen dient durch seinen Sohn. In ihr Herz aufnehmen, dass er ihnen nahe ist, dass er sich ihnen zeigen wird, wenn sie sich auf die Suche begeben. Auf die Suche nach dem, der ihre Sehnsüchte nach Nähe und Liebe erfüllt. Eigentlich ist das auch meine Suche, sind das auch meine Sehnsüchte.

Paulus predigt, dass da jemand ist, der für mich eintritt: Gott, der Schöpfer und Erhalter meines Lebens. Gott, der von Anbeginn der Zeit an dafür gesorgt hat, dass es mir an nichts fehlen wird. Der mir Zeit und Raum für mein Leben gegeben hat. Grenzen, in denen ich mich frei entfalten kann. „Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.

Wie mag es nun seinen Zuhörern ergangen sein? Einigen wenigen vielleicht tatsächlich so: Mit raschem Schritt ist er unterwegs. Wieder einmal, aber es ist anders als vorher. Auf ihn ist ein Funke übergesprungen. Seine Ahnung, seine Sehnsucht nach Gott, hat einen Namen bekommen. Aus sich selbst heraus konnte er Gott nur ertasten, aber nicht fassen, nur suchen, aber nicht finden. Jedoch ist er nun gefunden worden. Und er glaubt ganz fest daran, dass dieser Gott, der dort am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden ist, ihm nahe ist. Ein wirklicher Grund zum Jubel.

 

Ihre Dagny Weyermanns

 

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In den 80er Jahren habe ich diesen Werbespot für „Gervais-Obstgarten“ geliebt. Ich fand ihn zum Schreien komisch. Da war so ein ein in grau gehaltenes Großraumbüro. Im Hintergrund lief so eine Streichermusik.  Ein älterer Herr mit Glatze hat in sein Sandwich gebissen.   Und weil ihm das ganz schwer im Magen lag, war dabei der Klang einer Pauke zu hören. Eine Stimme sagte: „Viele Dinge, die wir essen,  sind etwas schwer.“ Dabei krachte der Mann offenbar durch den Boden. Einige Kollegen und eine Putzfrau schauten verdutzt in das Loch im Boden. Und die Putzfrau kehrte noch den Dreck hinterher. Dazu lief jetzt eine charakterische Klarinettenmelodie und die Stimme sagte, dass dieser Gervais- Obstgarten locker-leicht schmecke. Kein Bremsklotz im Bauch also. Ja, ja… Diese Werbeversprechen.

In den letzten Wochen höre ich immer wieder Nachrichten, die mir auch oft so schwer im Magen liegen, dass ich auch so manches Mal befürchte, durch den Boden zu krachen: Beschlüsse der Politik, die sich manchmal nur noch schwer nachvollziehen lassen, gerade angesichts steigender Zahlen, immer wieder das Schielen auf die Inzidenzen.  Menschenmengen, die einfach nicht mehr wollen und nur noch ihren eigenen Ego-Mist durchziehen. Radikale Gruppierungen, die sich dort untermischen. Und das gepaart mit meiner eigenen Corona-Müdigkeit.

Gott sei Dank feiern wir im Monat Mai zwei Feste, die eine andere Richtung verheißen. Himmelfahrt – Jezus hoch in das Reich seines Vaters. Dort Herrscht er als König zur Rechten seines Vaters. Und das richtet meinen Blick auch wieder nach oben. Ich bin mir sicher: Der Grund, den Gott unter mir gelegt hat, ist so fest, dass nichts ihn so sehr erschüttern könnte, als dass ich einfach durchplumpse in ein ungewisses Nirgendwo. Pfingsten – Der Heilige Geist kommt vom Himmel herab und setzt sich „locker-leicht“ auf die bis dahin noch eingeschlossenen Jünger. Aber da kommt Bewegung in die Bude. Ein frischer Wind fegt die alte Resignation weg und etwas Neues bahnt sich seinen Weg.

Und so baue ich darauf, dass auch bei uns der Heilige Geist für einen frischen Wind sorgen wird und dass auch bei uns wieder Bewegung in die Bude des Glaubens kommt, selbst wenn wir noch länger mit dem leben, was mit manchmal schwer verdaulich vorkommt.

Herzlich Ihr/Euer Matthias Lefers

 

 

Bald wird es wieder grüner und heller und wärmer und sowieso. Alles wird bald einfach wieder besser. Kinder, die zusammen spielen und lachen. Teenager, die sich das erste Mal verliebt in den Armen liegen und die Magie des Knutschens ent-decken. Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, umarmen sich herzlich. Und mit dem Erwachen der Natur im Frühling atmen alle tief durch und springen händehaltend befreit über Blumenwiesen…

Hach… Seufz… Schön wäre es. Meine schönste Vorstellung der letzten Wochen: Ich geh‘ ohne Maske in den Vela rein. Aber keiner schnauzt mich an. Stattdessen wundern sich alle und nicken anerkennend. Und freuen sich über meinen Mut. Und dann nehmen sie nach und nach auch ihre Masken ab… Und ich lache über diese Phantasie.

Hach… Seufz… Man wird ja wohl noch mal tagträumen dürfen, oder? Bis es soweit ist, wird es wohl noch dauern. Ob es überhaupt jemals wieder so wird? Wie sich vieles verändert haben wird, wenn irgendwann… ja, wann eigentlich? Wenn Angela Merkel feierlich bekannt gibt: „Die Zeit der Beschränkungen ist offiziell vorüber. Ich danke Ihnen allen für Ihr geduldiges Mittun.“ Oder so ähnlich? Keine Ahnung.

Das Einzige, wes ich mir sicher bin: Auch in diesem Jahr feiern wir Ostern. Und die Auferstehung Jesu. Halleluja! Und dass Gott sich für das Leben entscheidet. Gepriesen sei der Herr! Ganz egal, wie düster alles aussieht. Die göttliche Perspektive ist die, die hell leuchtet. Die Mut macht zu träumen und Visionen zu haben.  Gott sei Dank!  Von einer Welt, die eines Tages kommen wird:  Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (Offenbarung 21)            Ihr/Euer Pastor Matthias Lefers